Wenn die Prinzen beim Fenster hereinkommen

Beim „Kuhli-Muhli-Fest“ in Weißenbach bei Haus wurde kürzlich der 1. Steirische Fensterlprinz gesucht. Damit hauchte man der jahrhundertealten Tradition des „Fensterlns“ wieder neues Leben ein.

Bild Fensterlprinz

Mit dem „1. Steirischen Fensterlprinz“ wurde dem traditionellen Fensterln in Weißenbach wieder neues Leben eingehaucht. Foto: Markus Röck

Es ist früher Nachmittag in Weißenbach bei Haus. Viele Leute haben sich versammelt und blicken gespannt auf das Feld, auf dem die große Tenne steht. Zwei Holzkonstrukte, die entfernt an Leitern erinnern, sind am Gebäude angebracht. Davor ist ein Parkour aufgebaut. Strohballen, Holzgerüste und schwere Baumstämme gilt es zu überwinden oder zu beseitigen, ehe die Leiter in Angriff genommen werden darf. Am Ende stehen bereits die Angebeteten am Balkon und warten auf die Kandidaten. Die Läufer selbst sind derzeit noch in der Starthütte und warten auf ihr Signal. Ertönt das, zählt jede Sekunde.

Im Zuge des Kuhli-Muhli-Festes in Weißenbach bei Haus wurde dem alten Brauch des Fensterlns ein ganzer Nachmittag gewidmet. Knapp 70 Burschen und 20 Mädchen lieferten sich im Zuge der Veranstaltung ein Rennen gegen die Zeit, um in mehreren aufeinander folgenden Einzel- und Teambewerben den „1. Steirischen Fensterlprinzen“ zu ermitteln.

„Wir haben gehört, dass in Vorarlberg aus der Tradition eine Sportveranstaltung gemacht wurde“, sagt Manuel Putre, Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Weißenbach und einer der Organisatoren der Veranstaltung. „Wir dachten uns: Das können wir auch.“ Kurzerhand haben Manuel und seine Kameraden Hammer und Säge in die Hand genommen und in mehrwöchiger Arbeit die Hindernisse und die riesigen Holzleitern gefertigt.

Leiter

Wie beim „echten“ Fensterln mussten auch in Weißenbach die Leitern erklommen werden. Foto: Markus Röck

Von der Notwendigkeit zum Brauch

Laut hupt ein „Kleinsteirer“-Traktor. Die Türen der Starthütten gehen auf und der Lauf beginnt. Zwei Fensterl-Anwerber spurten in Richtung der Angebeteten. Nach ein paar Metern ist die erste Hürde, ein Holzgerüst, schon in Sicht. Manche erklimmen es mit einer speziellen Klettertechnik, andere stolpern eher darüber. So oder so ist die Bretterkonstruktion schnell überwunden und gibt wenig später den Blick auf das zweite Hindernis frei.

Traktor

Gibt der Kleinsteirer das Startsignal, zählt jede Sekunde. Foto: Markus Röck

Dem Wettbewerb liegt eine jahrhundertealte Tradition zugrunde. „Früher war das Fensterln einfach eine Art der Anbahnung zwischen Mann und Frau“, sagt Roswitha Orač-Stipperger, Chefkuratorin der Volkskundlichen Sammlung im Universalmuseum Joanneum. „Zum einen wurde es als Wettbewerb angesehen, andererseits geschah es auch aus einer gewissen Notwendigkeit heraus.“ Waren das Zimmer der Angebeteten zum Beispiel im ersten Stock und voreheliche Männerbesuche verboten, konnten die liebestollen Burschen meist nur durch das Fenster zu ihrer Geliebten gelangen.

Im Laufe der Zeit habe es sich dann zum Brauch entwickelt. „Mit Maultrommelmusik und relativ eindeutigen Gstanzerln versuchten die Anwerber das Herz ihrer Geliebten zu erobern.“ Vor allem in der Zwischenkriegszeit wäre das Fensterln noch einmal populär gewesen, danach nahm es allmählich ab. Dies hatte vor allem mit der Veränderung der Wohnsituation zu tun. Heute wird es eher als Jux oder Brauch praktiziert, wie es der Fensterlprinz zeigt.

Hindernis 1

Das erste Hindernis ist schnell überwunden. Zahlreiche andere stehen jedoch noch bevor. Foto: Markus Röck

Der schwere Weg zur Leiter

Ein Baumstamm, in der Region auch „Bloch“ genannt, ist das nächste Hindernis beim Fensterlprinz. Ihn gilt es – mit zwei bereitgestellten Sappel (Werkzeuge zum Holzrücken) – einmal nach vor und wieder zurück zu schleppen. Ist das erledigt, müssen die Athleten eine Pyramide von Strohballen überwinden und eine bis zum Rand gefüllte Milchkanne von A nach B überstellen, dann ist der Weg zur Leiter frei.

Strohpyramide

Ein „Bloch“, Milchkannen und eine Strohpyramide stehen noch bevor, ehe die Leiter in Angriff genommen werden kann. Foto: Markus Röck

Beim „richtigen“ Fensterln waren andere Hindernisse zu überwinden. Daran erinnert sich auch das Schladminger Urgestein Anton Streicher: „Manchmal bellte der Hofhund, ein anderes Mal krachte plötzlich die Großmutter in das Zimmer.“ Hatte man endlich die Leiter erklommen, konnte es schon einmal sein, dass bereits ein Nebenbuhler im Zimmer anzutreffen war – oder der nächste Verehrer schon unter dem Fenster wartete und daraufhin die Leiter entfernte. Die Folge: Ein Sprung aus dem Fenster oder die nächtliche Flucht durch das Haus. Das Risiko, dabei jemanden aufzuwecken oder bei der Flucht aus dem Fenster verletzt zu werden, war dann sehr hoch.

Ab und zu konnten auch Organisation und Transportation ein Hindernis darstellen. Anton Streicher spricht aus eigener Erfahrung: „Wir haben einmal versucht, die Leiter mit dem Moped zu transportieren. Plötzlich blieb jedoch die Leiter hängen und wir flogen schmerzhaft vom Moped.“

Leiter

Mit letzten Kräften muss die Leiter erklommen werden. Foto: Markus Röck

In Weißenbach steht die Leiter schon bereit. Überdimensional groß und mit schiefen Sprossen versehen, muss sie noch überwunden werden, dann ist das Ziel in Sicht. Die Kandidaten, die es so weit geschafft haben, können nun endlich ihrem Herzbuam oder ihrer Herzdame das lang ersehnte Busserl auf die Wange geben. Der oder die schnellste unter ihnen darf sich 1. Steirischer Fensterlprinz nennen. Der „echte“ Fensterlprinz, Anton Streicher, ist von der Umsetzung der Veranstaltung begeistert: „Hut ab vor diesen Burschen, die die Tradition wieder aufleben lassen.“

Busserl

Die Hindernisse sind überwunden, die Leiter erklommen. Fehlt nur noch das Busserl auf die Wange der Angebeteten. Foto: Markus Röck